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Krise in der Fortbildung – ein Zeichen der Zeit?

michaelalindner15
2. Okt.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen



Ich habe heute mit einem alten Freund telefoniert. Wir kennen uns aus meiner Zeit an der Universität. Damals haben wir gemeinsam in EU-Projekten und in der Lehrerausbildung gearbeitet und uns dabei auch freundschaftlich verbunden. Und während ich heute mit ihm spreche, denke ich:

In einer Zeit wie der heutigen hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht kennengelernt.
Ein Laptop, der statt menschlicher Begegnung Fortbildung prägt. Eine Raupe, die darauf kriecht.
Ist in der Fortbildung der Wurm drin? Wo ist die Freude an Begegnung, Austausch und Beisammensein hin?

Heute brauche ich Informationen zu Fortbildungen für GW in Österreich – und bin wenig überrascht, dass er die richtige Ansprechperson dafür ist. Zunächst haben wir uns beide sehr über das Wiederhören nach doch einiger Zeit gefreut. Mein Weg war in den letzten Jahren recht turbulent. Er hingegen hält weiterhin seine Stellung an einer Pädagogischen Hochschule und tut dort, was er kann: Lehrerfortbildung auf hohem Niveau anbieten – trotz aller Widrigkeiten. Und davon gibt es einige.


Da ist zum einen ein System, in dem die finanziellen Schrauben immer enger gezogen werden und das gleichzeitig durch seine Strukturen weiter ausblutet. Fortbildungen würden von den Schulen kaum mehr ermöglicht, geschweige denn gewünscht, erzählt er mir. Vertretungen zu organisieren sei schwierig, denn ohnehin seien alle bis an den Rand mit Arbeit belastet. Und dann ist da die Kluft zwischen universitärer Lehre und Schulpraxis, die immer weiter auseinanderzuklaffen scheint: Hier die Universitäten, an denen Forschung, Drittmittel und Publikationen zunehmend den Takt vorgeben. Dort die Lehrer:innen, die im Hamsterrad des Schulalltags untergehen. Da bleibt keine Energie für Fortbildung.


Die Pandemie hat das Ihre dazu getan. Sehr bald haben Online-Angebote gezeigt, wie bequem und kostengünstig Fortbildung sein kann. Keine Anreise, keine Reisekosten, kein Zeitverlust. Präsenzangebote werden seither nur noch schwer angenommen. Aber was bleibt dabei auf der Strecke?


Das „Dazwischen“.


Das Gespräch mit der Kollegin beim Mittagessen. Der Austausch auf persönlicher Ebene am Abend. Das zufällige Gespräch am Gang. Die Begegnung mit Menschen, die ähnliche Fragen haben, ähnliche Herausforderungen kennen – oder ganz anders auf die Welt schauen.

Genau darin liegt eine Qualität von Fortbildung, die sich schwer in ein Online-Format übersetzen lässt: das gemeinsame Denken, das gegenseitige Ermutigen, das Entstehen von Ideen im Gespräch. Und vielleicht auch die Möglichkeit, durch die Begegnung mit Gleichgesinnten wieder ein Stück zu wachsen. Ganz unabhängig vom fachlichen Input, der methodisch vermutlich ebenfalls differenzierter ausfallen kann, wenn Menschen tatsächlich gemeinsam in einem Raum sind. Oder gar nicht gemeinsam – weil niemand mehr Zeit hat für etwas, das nicht unbedingt sein muss.


„Die Zeiten, wo wir auf Fortbildung gefahren sind, weil wir Lust darauf hatten und interessiert waren, sind längst vorbei.“


Sein Resümee klingt ernüchtert.


Und ich sitze hier mit meiner Idee von lebenerlauben.

Mit dem Wunsch, Leben zurück in die Schulen zu bringen und Lehrer:innenbildung als Multiplikatorin dort einzubeziehen, wo es möglich ist. Denn nachhaltige Entwicklung ist für mich nichts, was man einfach erdenken kann. Dafür braucht es Beziehung. Begegnung. Miteinander. Und oft gar nicht so viel mehr.


Von der UNESCO über die Europäische Union bis zu den Leistungsvereinbarungen der österreichischen Universitäten wird heute betont, wie wichtig Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist. Es gibt klare Zielsetzungen, Handlungsempfehlungen und Vorstellungen davon, was Bildung leisten soll. Auch die internationale Forschung weist zunehmend in eine Richtung, die ich spannend finde: Mehr Wissen allein wird uns nicht retten. Es geht auch ums Fühlen.

Um innere Arbeit. Um Körperintelligenz. Um Resonanz als erweiterten Wissensbegriff.

Vieles davon ist in unterschiedlichen Forschungsfeldern längst angekommen. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse liefern Erklärungsmodelle, praktische Erfahrungen bestätigen Zusammenhänge, und die Forschung entwickelt sich weiter. Vielleicht beginnt sich damit auch unser Verständnis davon zu verändern, was Wissen eigentlich ist.


Und dann bekomme ich die Rückmeldung, dass meine Mailadresse @lebenerlauben.at „zu wenig schulisch“ klingt. Ob ich nicht eine andere Adresse für die Anmeldung in PH-Online hätte?


Habe ich. Natürlich. Und ich schlucke. Da ist noch viel zu tun. Aber wie, wenn keiner hingeht? Ich werde mich anmelden und dort sein. Ich mache weiter. Knüpfe an, wo es geht. Finde Begegnungen, wo sie möglich sind. Und bin zuversichtlich.

Denn die Zeit braucht uns alle.

 
 
 

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