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Bildung der Zukunft: Gedanken, Forschung & Aussichten

michaelalindner15
7. Okt.
4 Min. Lesezeit

Irgendwie haben wir ja alle etwas zu Bildung zu sagen. Wir waren alle einmal Schüler*innen, viele von uns sind Eltern, manche lehren an Schulen oder Universitäten… andere machen sich Sorgen um eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet, oder suchen händeringend qualifizierte Arbeitskräfte. Wohin man sieht: ernsthafte Interessen und Beweggründe, sich für Bildung zu interessieren.

Aber was sagt eigentlich die Bildungsforschung?


Das Forschungsprojekt EMO-GI: Wenn Wissen nicht mehr reicht

Im Rahmen des ERASMUS+ Forschungsprojektes EMO-GI haben wir recherchiert und einen Bericht dazu verfasst. EMO-GI ist unser drittes gemeinsames Projekt in Folge, das aus der Erkenntnis entstanden ist, dass es nicht genügt, zu WISSEN, wie wir uns – in diesem Fall hinsichtlich des Klimawandels – verhalten sollten. Wir wissen sehr viel und verändern sehr wenig. Miguel, ein spanischer Kollege, und ich waren uns einig, und die anderen stimmten zu: Wir müssen tiefer gehen. Es braucht die Emotionen. Das war 2023.

Seitdem hat sich viel getan. Wir erforschen jetzt gemeinsam, wie sich sozio-emotionales Lernen im Geographie-Unterricht mit Geoinformation & Künstlicher Intelligenz – ohne die geht im Moment ja gar nichts – integrieren lässt. Der Bericht ist fast fertig, wir arbeiten gemeinsam an Vorschlägen für Lehrpersonen, um die Erkenntnisse in den eigenen Unterricht einfließen zu lassen. Aber der Reihe nach.

Ich möchte die Ergebnisse hier gerne sehr viel breiter verstehen, als nur auf ein einzelnes Unterrichtsfach konzentriert. Es geht ja um unsere Welt: Erde, Mensch, Wirtschaft. So habe ich das immer verstanden: Wir lernen für das Leben, nicht für die Schule. In der Schule.

Die Entmenschlichung unserer Lernräume

Und genau dort passiert oft das: Jetzt nicht. Wir haben keine Zeit für Emotionen, wir lernen jetzt, konzentrieren uns auf „den Stoff“ – es kommt ja die nächste Leistungsfeststellung.

Dieses Auslagern von Gefühlen und Emotionen aus schulischen Lernräumen – ich weiß, es gibt durchaus Ausnahmen, und ich bin sehr froh darüber! – passiert systemisch. Weil immer mehr Wissen in immer kürzerer Zeit vermittelt werden soll, befeuert durch Bildungsstatistiken, gesellschaftlichen Druck und finanzielle Vorgaben… all das hat über die Jahrzehnte zu einer Entmenschlichung der Schule geführt. Das klingt drastisch. Ist es auch.

Die Einladung für die Zukunft ist: Holen wir sie ganz bewusst herein, unsere andere Seite. Lehrerinnen sind Menschen, Schülerinnen sind Menschen, Führungspersonen sind Menschen. Und zwar alle zuallererst.

Das „Window of Tolerance“ als Fundament

Emotionen sind Wegweiser im Leben, sie sind nicht per se gut oder schlecht. Was, wenn sie nicht nur da sein dürfen, sondern eingeladen sind, sich zu zeigen? Das ist nicht Verweichlichung. Das ist notwendig. Der Druck ist ohnehin schon lange viel zu hoch. Dan Siegels „Window of Tolerance“ zeigt uns ganz deutlich, dass Lernen ohnehin nur im emotionalen Toleranzfenster gut stattfinden kann. Verdrängung kostet uns viel Energie, die echtes Lernen in Wahrheit verhindert.

Derzeit betont unser System Sichtbarkeit, Schnelligkeit, Action, Leistung, Tun. Wo ist der Gegenpol? Und wir wundern uns, „dass uns was fehlt?“

Es gibt viele gute Gründe, sich nach innen zu wenden, Ruhe als Priorität anzuerkennen und auf unsere Körper zu hören: Um Überlastung entgegenzuwirken, Lernen erst zu ermöglichen, als Menschen unsere emotionalen und kognitiven Kapazitäten zu erweitern und gleichzeitig zu einer nachhaltigen – und ja, da gehören Mensch, Umwelt und Wirtschaft dazu – Entwicklung auf unserem Planeten beizutragen.

Ob Christine Wamslers CLARITY-Projekt, das CARE-KNOW-DO-Modell von Okada & Gray oder Carrons Head-Heart-Hands-Gut-Competences… alle betonen die Bedeutung emotionaler Wahrnehmung, Verarbeitung und Kommunikation für die Bildung der Zukunft.

  • Innere Arbeit und Aktion im Außen.

  • Ruhe und Arbeit.

  • Resonanz und Beweisbarkeit.

  • Kopf und Körper.

  • Zu gleichen Teilen.


Wie klingt das für Sie?


Vier gute Nachrichten für die Praxis

  1. Platz für Gefühle schafft Entlastung: Schaffen wir Raum für Emotionen, müssen diese nicht als „zu viel“ abgespalten werden. So werden traumatische Reaktionen erst schon einmal verhindert.

  2. Heilung durch sichere Räume: Mitgebrachte „Pakete“ können an Schulen vielleicht nicht komplett aufgelöst werden. Aber die grundsätzliche Haltung, dass auch starke Emotionen sein dürfen, und geerdeter Beistand in schwierigen Situationen schaffen einen Raum, in dem verkorkste Verhärtungen langsam aufweichen können. Professionelle Unterstützung bei der Hand zu haben, wäre da der wesentliche nächste Schritt. Viele Schulpsycholog*innen leisten hervorragende Arbeit und verweisen kompetent weiter.

  3. Potenzial durch emotionales Wachstum: Aufgelöste tiefe Emotionen setzen ungeahntes Potenzial frei! Posttraumatische Belastungsreaktionen sind eher bekannt als Posttraumatisches Wachstum. Das lässt sich feiern! Und erst die gewonnene Energie für die eigene Entwicklung…

  4. Kompetente Regulation bei sensiblen Themen: Manchmal entsteht emotionale Überwältigung auch direkt in der Schule. Viele denken dabei an das soziale Miteinander, aber auch tatsächlich beunruhigende Unterrichtsthemen (wie die Klimakrise) können heftige Reaktionen auslösen. Hier bewusst und kompetent regulierend zur Seite stehen zu können, muss das Ziel für uns Lehrkräfte sein. Das schließt mit ein, mit den eigenen Gefühlen gut in Kontakt zu sein. Diesen Anspruch muss die Lehrer*innenbildung für die Zukunft mitbringen: Mehr fühlen, weniger „nur wissen“.


Wozu das Ganze?

Um mit den Unsicherheiten, die diese Zeit mit sich bringt, umgehen zu können - als Mensch. Um entscheidungs-, zurechnungs- und handlungsfähig zu bleiben. Um unserem Wesen als Menschen gerecht zu werden: Wir sind nicht nur Kopf, wir sind auch ganz viel Körper – ein unglaubliches Geschenk an Sensorik und Wahrnehmungsfähigkeit. Wenn ein menschliches Wesen als 50 % Kopf und 50 % Körper gedacht war – wo stehen wir aktuell und in welche Richtung wollen wir gehen?

Nicht zuletzt wollen wir ja nicht weiter an unserem eigenen Ast sägen – als Einzelne, als Gesellschaft und als Erdenbewohner. Die Überhitzung hat längst auch den Planeten ergriffen. Keine Zeit für den Erhalt unserer Lebensgrundlage und unser Zusammenleben zu haben, erscheint mir doch einigermaßen grotesk.


Was denken Sie? Was fühlen Sie?

 
 
 

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